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KI & Transformation30. September 20267 min

Der Würgefeigen-Effekt: Warum kluge Unternehmen ihre IT nicht ersetzen – sondern umwachsen

Kein Big-Bang-Projekt, kein riskanter Komplettaustausch: Das Strangler-Fig-Prinzip zeigt, wie KI-Agenten Legacy-Systeme umhüllen, ihre Outputs anreichern und den alten Kern Schritt für Schritt entbehrlich machen – technisch wie organisatorisch.

Der Würgefeigen-Effekt: Warum kluge Unternehmen ihre IT nicht ersetzen – sondern umwachsen

Es gibt eine Pflanze, die Bäume nicht fällt. Sie wächst um sie herum, schlingt sich Ast für Ast nach oben – und eines Tages ist der alte Baum überflüssig geworden, ohne dass jemand die Säge angesetzt hat. Die Würgefeige (Ficus) ist ein Naturschauspiel. In der Unternehmenswelt des Jahres 2026 ist sie ein Transformationsmodell.

Das Buch The Agentic Enterprise beschreibt es so: Agents umhüllen Legacy-Systeme, fangen deren Outputs ab und reichern sie an – so lange, bis der alte Kern optional wird. Kein Big-Bang-Projekt. Kein riskanter Komplettaustausch. Stattdessen: kontrolliertes Umwachsen.

Für mich ist das eines der ehrlichsten und praktisch relevantesten Konzepte, das ich in der aktuellen KI-Debatte gelesen habe. In diesem Artikel ordne ich ein, was das Modell konkret bedeutet – und was Geschäftsführer daraus für ihre eigene KI-Transformation mitnehmen können.

1. Das Transformationsdilemma, das jede C-Suite kennt

Sprechen Sie mit CEOs, CIOs oder CROs über KI-Transformation, hören Sie fast immer denselben Subtext: Wir wissen, dass wir müssen. Aber wir wissen nicht, wie wir anfangen sollen, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden.

Das ist kein Mangel an Mut. Es ist eine vernünftige Risikowahrnehmung.

Legacy-Systeme sind in den meisten Unternehmen nicht alt, weil niemand etwas Neues wollte. Sie sind alt, weil sie funktionieren. Weil Prozesse, Schnittstellen und Verantwortlichkeiten über Jahre in sie hineingewachsen sind. Ein SAP-Kern, der seit 15 Jahren läuft und an dem 30 Drittsysteme hängen, wird nicht in einem Quartal durch etwas Neues ersetzt – jedenfalls nicht ohne massives Risiko.

Legacy-Systeme sind nicht alt, weil niemand etwas Neues wollte. Sie sind alt, weil sie funktionieren.

Genau hier setzt das Strangler-Fig-Prinzip an.

2. Was das Modell konkret bedeutet

Das Konzept hat zwei Dimensionen – eine technische und eine organisatorische. Beide sind gleich wichtig.

Die technische Dimension: Agenten um den Kern herum

KI-Agenten werden nicht neben das Legacy-System gestellt, sondern darum herum gebaut. Sie fangen Daten und Outputs bestehender Systeme ab, interpretieren sie, reichern sie an und liefern verbesserte Ergebnisse – ohne dass das Kernsystem angefasst wird. Mit der Zeit übernehmen die Agenten immer mehr Funktionen. Der alte Kern bleibt erhalten, wird aber Schicht für Schicht entbehrlicher.

Die organisatorische Dimension: Anwachsen und Wegfall

Parallel dazu entstehen neue Teams mit neuen Methoden, während bestehende Abteilungen weiterarbeiten wie bisher. Verantwortlichkeiten wandern nicht durch Reorganisation, sondern durch natürliche Verlagerung – durch Aufwachsen neuer Kapazitäten und Wegfall alter Notwendigkeiten. Das Buch nennt das accretion and attrition: Anwachsen und Wegfall, nicht Disruption.

3. Warum das gerade jetzt entscheidend ist

Wir erleben gerade den Übergang von generativer KI zu agentischer KI. Das ist kein gradueller Schritt – es ist ein Paradigmenwechsel:

  • Generative KI antwortet auf Anfragen.
  • Agentische KI handelt selbstständig, koordiniert sich mit anderen Agenten und übernimmt Prozesse.

Für Unternehmen bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr „Sollen wir KI einsetzen?“, sondern „Wie bauen wir KI so ein, dass sie wirkt – ohne dass wir dabei unsere Betriebsfähigkeit aufs Spiel setzen?“

Das Strangler-Fig-Modell gibt darauf eine klare strategische Antwort: Beginnen Sie dort, wo KI-Agenten heute schon Mehrwert liefern können. Lassen Sie sie Outputs abfangen, anreichern, verbessern. Bauen Sie Vertrauen auf – bei den Mitarbeitern, bei den Kunden, im System. Und lassen Sie die Transformation organisch wachsen, statt sie zu erzwingen.

4. Was das für Entscheider bedeutet

Ich arbeite mit Unternehmen an Go-to-Market-Strategien und Transformationsprogrammen. Was ich dabei immer wieder beobachte: Die häufigste Fehlannahme ist, dass Transformation bedeutet, alles auf einmal neu zu bauen.

Sie müssen nichts ersetzen. Sie müssen anfangen, darum herum zu wachsen.

Das Strangler-Fig-Prinzip dreht diese Logik um. Das klingt einfacher, als es ist – aber es ist erreichbar. Es braucht vier Dinge:

  • Klarheit über geeignete Prozesse: Welche Prozesse eignen sich für agentische Erweiterung? Nicht alle – aber mehr, als man denkt.
  • Kleine Piloten mit echtem Wirkungsnachweis: überschaubar, messbar – und keine Proof-of-Concept-Silos, die nie in den Betrieb kommen.
  • Organisatorische Geduld: für ein Modell, das über Monate wirkt, nicht über Wochen.
  • Führung, die Ambiguität aushält: denn Altes und Neues laufen eine Weile parallel.

Was es nicht braucht: einen vollständigen Masterplan vor dem ersten Schritt.

Fazit: Die klügste Transformation ersetzt nichts – sie umwächst

Die Würgefeige braucht keine Säge. Sie braucht Zeit, Richtung und die richtige Umgebung.

Für Unternehmen, die heute ernsthaft mit KI-Transformation beginnen wollen, ist das Strangler-Fig-Modell kein akademisches Konzept. Es ist eine operative Haltung: Fangen Sie da an, wo Sie gerade stehen. Bauen Sie Agenten um das, was schon läuft. Lassen Sie neue Strukturen wachsen, während alte Schritt für Schritt entbehrlich werden. Das Unternehmen modernisiert sich – ohne das Risiko, alles auf einmal zu ersetzen.

Als Strategic Advisor begleite ich Geschäftsführer von B2B-Tech-Unternehmen genau an dieser Stelle: bei der Frage, wo KI echten Hebel bringt, und bei der strategischen Einführung agentischer KI – von der Positionierung bis zur Umsetzung. Wenn Sie wissen wollen, wo in Ihrer Organisation das Umwachsen sinnvoll beginnen kann: Sprechen wir darüber.

Quelle: Babak Hodjat / Antoine Blondeau – „The Agentic Enterprise“ (O’Reilly)

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Heiko Jassmann

Geschrieben von

Heiko Jassmann

Strategic Advisor für B2B-Tech – Go-to-Market, Interim Management & KI-Transformation. 15+ Jahre IT-Branche, 12+ Jahre Führung bis zur Geschäftsleitung.

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